Die freimaurerische rituelle Tempelarbeit

Drei hervorstechende Merkmale der freimaurerischen rituellen „Tempelarbeiten“ - also der Arbeiten im Tempel - werden einem neuen Bruder besonders auffallen:

Das ist erstens die Beachtung einer disziplinierten Ordnung durch die Brüder. Sie beginnt bei der einheitlichen Bekleidung, geht über die Art, wie die Brüder den Tempel betreten und sich darin bewegen bzw. verhalten, wie sie bei Bedarf um Erteilung des Wortes bitten und ihr Anliegen vortragen, ohne jemanden zu kränken oder zu verletzen und geht hin bis zum feierlichen, geordneten Auszug aus dem Tempel. Diese disziplinierte Ordnung hat nun nichts mit Disziplinierung und schon gar nichts mit etwa militärischem Drill zu tun. In sie fügen sich die Brüder vielmehr ganz aus freien Stücken aus der Einsicht, dass sie nur durch Beachtung einer äußeren Ordnung auch zu einer inneren Ordnung, zur Harmonie mit sich selbst, kommen können.

Tempel

Zweitens wird die besondere Betonung des Begriffes „Würde“ auffallen. Die ganze Arbeit soll einen würdigen Verlauf nehmen; der hammerführende Meister führt in seiner Anrede das Attribut „ehrwürdig“ an. Dies alles ist nun nicht als Selbstbeweihräucherung gemeint und sollte auch nicht als solche missverstanden werden. Diesem Verhalten liegt vielmehr die Erkenntnis zugrunde, dass jeder Mensch von Natur aus mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet ist, ein Umstand, von dem Freimaurer meinen, dass er immer wieder in das Bewusstsein gehoben werden muss, zumal, wenn man beobachtet, wie würdelos sich viele Menschen benehmen bzw. wie die Würde anderer oft mit Füßen getreten wird.

Drittens ist der zentrale Punkt, um den sich eine freimaurerische Tempelarbeit dreht, immer ein einzelner Mensch, der entweder als Lehrling in den Bund aufgenommen, der zum Gesellen befördert oder zum Meister erhoben wird. Das ganze Geschehen konzentriert sich jeweils auf diese eine Person. Ausnahmen bilden lediglich die sogenannten Festarbeiten zur Feier des Stiftungsfestes, also des Geburtstages der Loge, des Johannisfestes, mit dem das alte Maurerjahr beendet und das neue eröffnet wird sowie die Trauerloge, in der die Maurer ihrer verstorbenen Brüder gedenken. Bei diesen Arbeiten dürfen wir aber streng genommen nicht mehr von Ritualen, sondern müssten besser von Zeremonien, also von feierlichen Handlungen sprechen. Die Konzentration auf einen einzelnen Menschen weist unsere Arbeiten als ausgesprochene Einweihungsriten aus. Darin wird der jeweilige Kandidat von Grad zu Grad fortschreitend in Erkenntnisse und Lebensweisheiten eingeweiht, die zwar weder eine Erfindung noch gar Eigentum der Freimaurerei darstellen, nichtsdestoweniger aber doch zeitlos gültig sind und deren Kenntnis und Beachtung zu neuen, veränderten Einstellungen im Leben führen können und sollten. Freimaurerische Arbeiten wollen also nicht Wissen vermitteln, sondern die Brüder anregen und anleiten, Weisheit zu lernen.